Abverkäufe setzen die Schwellenländer unter Druck

Datum: 16. Juli 2018 - 09:40 Uhr

Quartalserwartungen: Indien setzt sein Reformprogramm fort und die Unternehmen dürften weiter wachsen. Ausländische Anleger haben fernöstliche Aktien im zweiten Quartal zwar hochgradig abverkauft, aber China dürfte unserer Einschätzung weiterhin interessant bleiben.

Die Furcht eines globalen Handelskrieges hat sich seit Mitte Juni erhöht und an sämtlichen Schwellenländer-Märkten Kurseinbrüche ausgelöst. Starke Exportstaaten wie China und Südkorea waren besonders betroffen, während sich Indien als relativ isolierte Volkswirtschaft deutlich besser behauptete. Der starke US-Dollar und die Erwartung steigender US-Zinsen trafen die üblichen Staaten: Indonesien, Malaysia, Thailand und die Philippinen.

In sowohl Brasilien als auch Argentinien drohten umfangreiche Streiks der LKW-Fahrer die Wirtschaft lahm zu legen; die Transportindustrie ist das Herz einer jeden Volkswirtschaft, und weder Argentinien noch Brasilien musterten die erforderliche politische Stärke, um den Streiks Widerstand zu leisten. Letztendlich sind dort die Energiepreise gesunken und der Staatshaushalt hat sich verringert. Der hoch notierende US-Dollar traf Lateinamerika im Zeitraum besonders stark. Das Vertrauen des Auslands in die Zahlungsfähigkeit Argentiniens ist nach wie vor gering. Die argentinische Währung ist im Berichtszeitraum zum USD um beinahe 30 Prozent eingebrochen, der brasilianische Real büßte 14 Prozent ein.  

Asien: Indien und China im Fokus
Indien hat das Potenzial, über mehrere Jahre hinweg die höchsten Wachstumsraten der Region zu liefern. Das Reformprogramm wird fortgesetzt und die Unternehmen dürften weiter wachsen. Größtes Risiko geht von den in 2019 anstehenden Wahlen aus; wir erwarten jedoch eine Wiederwahl von Premierminister Modi. In China sehen wir unter den E-Commerce-Unternehmen gute Anlagechancen, aber auch Unternehmen im Bereich Wohnungsbau erscheinen dank der Kombination von hohen Wachstumsraten und günstiger Preisbildung interessant. Recht überraschend ist in Malaysia das Aus der langjährigen Regierung bei den dortigen Wahlen. Unserer Einschätzung nach dürfte die Wirtschaft des Landes durch die neue, populistische Regierung künftig zunehmenden Risiken ausgesetzt sein.

Abverkauf seitens ausländischer Anleger
Größte Sorge am Markt bereitet aktuell die Gefahr, dass sich die Handelsstreitigkeiten zu einem eigentlichen Handelskrieg entwickeln, indem die angekündigten Zollerhöhungen eingeführt werden und diesen weitere folgen. Daher haben ausländische Anleger Aktien aus Fernost abverkauft und so weiter zu den Kurseinbußen beigetragen.

Im historischen Vergleich ist das Geschehen durchaus mit früheren vergleichbar: 2003 (SARS), 2008 (Finanzkrise), 2011 (europäische Finanzkrise) und 2015/16 (Yuan-Abwertung). Nach Durchschreiten der Talsohle zum Ende der jeweiligen Krise haben sich die Märkte damals immer wieder gut erholt. Aufgrund der Unberechenbarkeit von US-Präsident Trump gestalten sich Vorhersagen hinsichtlich der Dauer der aktuellen Krise jedoch schwierig.

Für China treten die Handelsprobleme zudem zu einem recht ungünstigen Zeitpunkt auf, denn dort ist man derzeit bemüht, die enorme Anzahl von Schattenbanken in den Griff zu bekommen, zum Einen durch Schuldentilgung, zum Anderen, indem Schattenkredite ans Licht und zurück in die Bilanzen der Banken geführt werden sollen. Als Konsequenz dieser Maßnahme wird dem System Liquidität entzogen und die Behörden versuchen, diesem Entzug durch geringere Anforderungen an die Polsterung der Banken entgegenzuwirken. Sollten die Verhandlungen mit den USA um die Handelsbedingungen festfahren, so werden die chinesischen Behörden mit Sicherheit bestrebt sein, das Wirtschaftswachstum zu unterstützen, etwa durch Steuererleichterungen und Lockerungen im Immobilienbereich.

Indien kommt am besten weg
Als einziger Staat in Fernost ist Indien bisher um einen Abverkauf herumgekommen, eine Tatsache, die sehr gut mit der generellen Einstellung übereinstimmt, dass Indien im Falle eines globalen Handelskrieges am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen wird. Unsere aktuelle Übergewichtung in Indien dürfte sich auch bei einem herausgeforderten Marktumfeld bewähren.

Die Übergewichtung setzt sich zusammen aus:
1) starken privaten Banken, die den staatlichen Banken Marktanteile nehmen
2) defensiven IT-Aktien, die vom aufwertenden USD profitieren
3) nicht-zyklischem Konsum, mit hohem Wachstum im Bereich Konsumgüter und Spirituosen.

Nach wie vor positive Aussichten für Tourismus
Einer unserer bevorzugten Bereiche, Tourismus, ist gegen Ende des zweiten Quartals in Gegenwind geraten. Wir sind insbesondere im Kasino-Segment in Macau angelegt, das sich vorübergehend in einer Niedersaison befindet, da die Spieler ihr Interesse aktuell auf die Fußballweltmeisterschaft verlagern. In der zweiten Jahreshälfte, wenn in der Region eine neue Brücke eingeweiht wird, die Macau mit China und Hongkong verbindet, erwarten wir von den Macau-Gesellschaften abermals positive Meldungen. Macau dürfte somit auch weiterhin ein starker Anziehungspunkt sein.

Lateinamerika: Unsicheres Wachstum
Die positive Stimmung, die zu Jahresbeginn in Brasilien zu spüren war, hat sich im Quartalsverlauf völlig gewendet - nun ist von zurückgenommenen Wachstumsprognosen, weichendem Verbrauchervertrauen und einer stark unter Druck geratenen Währung die Rede. Die anhaltende Unsicherheit um die Präsidentschaftswahlen in Mexiko und der Aufschub eines neuen NAFTA-Abkommens mit den USA und Kanada wirken sich nun auch auf die mexikanische Währung aus, die sich allmählich einem Allzeittief nähert.

Das vom Markt bereits eingepreiste Wachstum könnte unserer Einschätzung nach von Problemen in der Logistik, zunehmendem Wettbewerb seitens ausländischer Spieler wie Amazon und einem sich nur sehr langsam einstellenden Aufschwung gefährdet werden.

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